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Schustehrusstr. 13 und Eckmann Festsäle

„Dies ist das älteste erhaltene, bzw. rekonstruierte Wohnhaus Charlottenburgs. Friedrich I, der Stadtgründer Charlottenburgs, ließ von seinem Hofarchitekten Eosander von Göthe das Straßennetz anlegen, die Grundstücke parzellieren und ein Musterhaus entwerfen.

Jeder Bauwillige musste nach diesem vorgegebenen Musterentwurf bauen, denn die entstehende Stadt sollte ein regelmäßiges Erscheinungsbild erhalten. Heute existieren nur noch zwei Beispiele dieser Musterhäuser: in der Haubachstr. 8 und hier. Dieses Haus wurde 1712 von Gottfried Berger gebaut, einem Goldschmied und Gelbknopfgießer, der als Handwerker beim Schlossbau beschäftigt war und sich zunächst beim Kammertürken Aly in der Schloßstr. 4 eingemietet hatte. Weil die Entwicklung der neu gegründeten Stadt Charlottenburg nur sehr langsam voran ging, erließ der König 1711 eine Verordnung, nach der Handwerker, die durch Aufträge des Hofes profitierten, aber nur zur Miete wohnten, eine “Bürgerstelle” annehmen und bebauen sollten.

Dies tat also Gottfried Berger im Jahr 1712 in der damaligen Scharrenstraße Nr. 13. Er baute ein fünfachsiges, eingeschossiges Gebäude mit einem Giebel über dem Mitteleingang und einer reinen Fachwerkkonstruktion mit Lehmwickelstaakung in den Gefachen und zwischen den Deckenbalken. Die Räume links sind flach unterkellert, mit einer Kopfhöhe von nur 1,50 m.

In der Regel besaßen die Häuser einen symmetrischen Grundriss. Das Berger’sche Haus hatte aber wohl von Anfang an hofseitig links einen Werkstatt-Seitenflügel, der ebenfalls aus Fachwerk ausgeführt worden war.

Betrat man das Wohnhaus von der Straße, so gelangte man in einen breiten, durchgehenden Flur. Im hinteren Bereich führte eine Treppe ins Dachgeschoss. Unter der Treppe hindurch gelangte man über eine zweiflügelige Tür in den Hof. Rechts betrat man die Küche, die in kräftigem rot gestrichen war. Dahinter eine gleich große Kammer war in hellem ocker gehalten.

Gottfried Berger hat, wenn überhaupt, hier in der Scharrenstraße nur wenige Jahre gelebt. Er vermietete sein neu erbautes Haus zunächst, bevor er es 1721 an den Bierbrauer Georg Vincke verkauft. Dieser hat wohl die Fachwerkräume verputzt und das Haus um eine Fachwerkachse erweitert. Nach dessen Tod wurde es 1747 an den Lichtzieher Johann Christian Rese weiter verkauft.

1797 erwarb der Hauptmann Ludwig Christian von der Lage das Haus und baute es um, denn die Fachwerkschwellen aus Kiefernholz waren nicht mehr in Ordnung, das Haus war straßenseitig um etwa 10 cm abgesackt. Deshalb ließ der neue Besitzer die Fachwerkfassade abbrechen und durch eine neue, gemauerte Fassade ersetzen. Sie wurde 60 cm höher als die ursprüngliche und um die Tordurchfahrt erweitert, die überdacht wurde. Der alte Seitenflügel wurde abgerissen und durch einen neuen mit größeren und vor allem höheren Räumen ersetzt. Der große Gesellschaftsraum dessen Wände mit Architekturmalereien versehen wurden, reicht bis zur Hälfte ins Vorderhaus hinein. Er ist ein frühes Beispiel dafür, was später als sogenanntes Berliner Zimmer in die Baugeschichte eingegangen ist. Auch die Treppe im Flur wurde entfernt und stattdessen eine Treppe auf der Hofseite errichtet.

1816 wurde der Tischlermeister Carl Friedrich Wilhelm Zeitler Besitzer des Hauses. In dem Querstallgebäude mit Pferdestall und Remise auf dem rückwärtigen Grundstück richtete er seine Werkstatt ein.

Im Juli 1825 beschwerte sich die Nachbarin zur rechten, Witwe Kühne, in einem Brief an die Polizei:

“Da dem Herrn Tischler Meister Zeitler seine Appartements Grube dicht an meine Grenze stößt, wo ich einen Stall zu stehen habe, der dadurch sehr leidet, indem ich fortwährend Wasser darin bekomme und so auch in meinem Garten, wo sogar eine Pfütze schon seit mehreren Jahren befindlich ist, und mir das, was ich auf der dortigen Stelle anpflanze jährlich ruiniert wird, so bitte ich ein hochwohlgeborenes Polizei Directorium um baldigen Beistand, indem ab jetzt von Tag zu Tag ärger wird.” Mehr als zwei Jahre lang passierte nichts, der Stall war inzwischen verfault, aber die Behörde reagierte erst, als Zeitler den Unrat, den seine Senkgrube nicht mehr fasste, auf die Straße kippte. Nachdem empfindliche Strafen verhängt worden waren, musste die Grube geräumt werden, wie es abschließend hieß.

Auch die nächsten Besitzer nahmen Umbauten vor. 1863 eröffnete die Witwe des Charlottenburger Zimmermeisters Schönfelder in der Wohnung ein Putzwarengeschäft und ließ dafür ein Fenster zur Ladentür und eines zum Schaufenster umbauen.

Der Tanzlehrer Ernst Eckmann vergrößert 1875 einige Räume durch Herausnahme von Trennwänden und baut schließlich ein großes Tanzsaalgebäude für 500 Personen auf dem rückwärtigen Gelände. Erst 1890 erfolgte der Anschluss an die Kanalisation. 1943 wurde der Tanzsaal durch Kriegseinwirkung zerstört und dadurch der Stand der Bebauung wieder annähernd auf den Stand von 1800 reduziert. 1982 wurden das Vorderhaus und der linke Seitenflügel wegen akuter Einsturzgefahr gesperrt. Das Haus war durch den zunehmenden Autoverkehr baufällig geworden. Das in seiner Grundsubstanz aus dem 18. Jahrhundert nach wie vor erhaltene Haus wäre am 24. Dezember 1983 beinahe einem Abrissversuch zum Opfer gefallen.

Nach dem illegalen Teilabriss aber wurde es mit alten Baumaterialien und in alter Handwerkstechnik rekonstruiert. Die Denkmalpflege sah hier die einmalige Möglichkeit, ein Haus zu retten, das uns bürgerliches Bauen demonstriert aus einer Zeit, aus der wir sonst in Berlin nur die erhaltenen Prachtbauten kennen.

Das Haus befindet sich in der Obhut des Heimatmuseums.“

Textauszug von: https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/rundgaenge/kiezspaziergaenge/artikel.176577.php

Fotografien: Thomas Gielow 2008

Faltblatt: „Die Geschichte des alten Bürgerhauses in Berlin-Charlottenburg

© Förderverein Keramik-Museum Berlin e. V. 2012 Text: D. W. J. Schwarzer, Architekt (Kenntnisstand: März 2009) Fotos 2007+2012: D. W. J. Schwarzer, Gestaltung: H.-J. Theis

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7 Kommentare zu „Schustehrusstr. 13 und Eckmann Festsäle

    1. Die richtige Schreibweise kenne ich leider auch nicht. Vielleicht muss es „lehmwickelstakung“ heißen. Dazu werden angespitzte Latten (Staken oder auch Staaken) in einer Nut zwischen die Deckenbalken eingeklemmt und bilden so das Tragwerk für ein oberseitig angebrachtes Strohlehm-Paket. Diese Art der Deckenausfachung ist nur bei historischen Gebäuden zu finden.
      Gruß aus Berlin, Tom.

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    2. Super, da ist das alles bestens erklärt. Ich kenne genau diese Art der Deckenverkleidung noch aus alten Häusern, zumeist als solchen, die schon etwas verrottet sind und wo der Verputz teilweise abgefallen ist, so dass das Rohr frei liegt.

      Gefällt 1 Person

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