Borghesischer Fechter

„Der Ehrenhof des Schloss Charlottenburg wurde von Eosander von Göthe um 1705 entworfen und angelegt. Das Portal mit den beiden Wächterhäuschen und dem schmiedeeisernen Gitterzaun samt „Schwarzer Adler“-Emblemen sowie den vergoldeten Spitzen stammt aus seiner Planung. Die beiden Fechterfiguren aus weiß getünchtem Zinkguss wurden erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Wächterhäuschen gestellt. Mit hochgerecktem Schild einander zugewandt, bilden sie einen nach oben offenen Torbogen, einen diskret angedeuteten Triumphbogen. Die Fechter sind die einzigen kriegerischen Figuren in der gesamten Schlossanlage. Sie sind Kopien einer antiken griechischen Marmorskulptur aus dem 1. Jahrhundert vor Christus (wahrscheinlich von Agasias aus Ephesos). Die Figur stellt einen Krieger dar, der einen Reiter angreift. Sie wurde im 16. Jahrhundert bei Ausgrabungen in Anzio bei Rom in der Villa des Kaisers Nero gefunden. Seit 1613 stand die Plastik in einem Adelspalast bei Rom, der Villa Borghese. Daher hat sie auch ihren Namen: Borghesischer Fechter.

Der französische Kaiser Napoléon I. erbeutete die antike Skulptur 1806 (eine „Schenkung“ nannte man es damals). Seitdem steht der Borghesische Fechter im Pariser Louvre, allerdings – anders als die Charlottenburger Torfiguren – nur als beschädigter Torso ohne Schild und ohne Schwert. Die 199 Zentimeter große Statue (gemessen von der linken Ferse bis zum Kopf) diente damals häufig als Muster für anatomische Studien und wurde sehr oft kopiert.

Im Zuge der Antiken-Mode, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa beliebt war, standen kleinere und größere Nachbildungen in zahlreichen Villengärten und Schlossparks. Wie die Fechter nach Charlottenburg kamen, ist nicht ganz genau geklärt, lässt sich aber ziemlich präzise datieren. Der Berliner Gießereibesitzer Moritz Geiß entwickelte 1826 weltweit erstmalig ein Verfahren für Zink-Hohlguss, das er sich patentieren ließ. Bis dahin war es technisch nur möglich gewesen, Zink als Vollguss herzustellen (zum Beispiel für großformatige Zierelemente an Häuserfassaden oder Straßenschilder). Der Hohlguss hingegen eignete sich bestens für Plastiken und Skulpturen. Erst 1840 konnte Moritz Geiß sein Verfahren für eine halbindustrielle Serienproduktion einsetzen und begann einen schwunghaften Handel mit Kopien antiker Figuren. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Fechterfiguren aus seinem Betrieb stammen und zwischen 1840 und 1848 in Charlottenburg aufgestellt wurden. Auf Abbildungen, die Ereignisse der 1848er Revolution zeigen, sind die Figuren bereits zu sehen, allerdings mit Feigenblättern vor den Geschlechtsteilen. Wann diese fielen und welcher Künstler den antiken Kriegern Schwert und Schild zurückgab, bleibt weiterhin ungeklärt.

Die Figuren überstanden den Zweiten Weltkrieg vollkommen unversehrt. Nur eines der Wächterhäuschen wurde durch den Streifschuss einer Artillerie-Granate leicht beschädigt. In den 1980er Jahren verschwanden die tonnenschweren Fechterskulpturen für einige Monate von ihren Podesten. Der brüchig gewordene Zinkcorpus musste vollständig erneuert werden.“

Quelle: Berlin für Blinde – http://www.berlinfuerblinde.de/top-berlin/schloss-charlottenburg/949-einfuehrung-3.html

Advertisements

Ein Gedanke zu “Borghesischer Fechter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s